Persönliche Entwicklung

Wir Frauen und die Liebe – warum wir von allen geliebt werden wollen

21. September 2020
Ich halte meine Rede vor den Teilnehmern

Hier lest Ihr meinen (zugegebenermaßen etwas langen) Impulsvortrag für die “Netzwerk Wiesn 2.0”, die ich mit meiner Freundin Ruth Gabler-Schachermayr von CareerMum im Freien auf der Jesuitenwiese im Prater organisiert habe:

Letztens bin ich mit dem Auto gefahren und da ist mir ein Typ mit fetter Karre beim Überholen auf der linken Spur so knapp aufgefahren, dass ich seine Lichter kaum mehr sehen konnte. Ich bin immer langsamer geworden – sowas hasse ich einfach – und als ich dann auf die Seite fahren konnte, zeigte er mir den Mittelfinger und hupte mich wie wild an.

Ich habe tagelang darüber nachgedacht und mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, und warum der Typ so arg zu mir war.

Was? Warum?

Jetzt kann man sich fragen, spinnt die? Ja, wahrscheinlich.

Bei mir nimmt der liebgehabt werden wollen Gedanke teils skurrile Ausmaße an, daher bin ich wahrscheinlich nicht mal das Mittelmaß, sondern im oberen Perzentil (mal in Baby-Gewichtskurven Deutsch zu sprechen).

Denn ich will einfach von allen gemocht (sozusagen lieb gehabt) werden.

Nicht, dass ich mich selbst so toll finde, nein, überhaupt nicht. Aber am Ende des Tages hätte ich unbewusst wohl gerne, dass jeder Mensch, den ich treffe, der mit mir arbeitet, ja, sogar die Kassierin an der Kasse beim Billa, sich denkt: „na so eine Nette.“

Objektiv gesehen, unfassbarer Schwachsinn.

Emotional gesehen, sprich gefühlt, ein Drang, der mich Zeit meines Lebens oder besser gesagt Zeit meiner Erinnerung begleitet.

Schon wieder der liebe Selbstwert

Ja, das hat bestimmt was mit dem Selbstwert zu tun.

Aber woher stammt dieser Anspruch an einen selbst, dass man immer perfekt sein muss?

Dass man von allen gemocht werden muss?

Dass die anderen alles besser können als man selbst?

Sigrid hält ihren VortragDie Ursachensuche

Leider hatte ich dieses Problem immer schon. Ich kann mich an Zeiten im Gymnasium erinnern, wo fast ein ganzes Jahr kein Mädchen in der Klasse mehr mit mir gesprochen hat. Heute würde man das mobben nennen, bei uns hieß das „ausschließen“ oder “ausstoßen”.

Niemand will ausgeschlossen werden. Alle wollen dazugehören. Zur Herde, zur Gruppe, zur Gemeinschaft. Man will gemeinsam sein, Bestätigung von außen, ja vielleicht sogar Lob.

Darüber wie man sich verhält, was man kann, welche coolen Dinge man sagt und so weiter.

Aber oft spielt das Leben einfach andere Stückln und es läuft nicht so optimal für jeden. Und dann versucht man vielleicht weiter dazuzugehören. Man verbiegt sich, passt sich an, versucht nicht anzuecken, gliedert sich ein.

Und wird so durch die Gesellschaft und die unmittelbare Gemeinschaft „geformt“.

Heute habe ich mit einer einzigen meiner Klassenkolleginnen noch Kontakt. Ich hab sie sogar mal drauf angesprochen, was damals im Gymnasium so passiert ist. Sie kann sich an das nicht erinnern. Für sie war es nicht bemerkenswert. Für sie war ich immer schon ihre Freundin!

So viel zur persönlichen Wahrnehmung by the way…

So spielt das Leben…eben

Das ist natürlich nicht einzig ausschlaggebend gewesen für diverse Zweifel, die mir heute im Genick sitzen, aber war durchaus auch einprägsam für mich.

Geblieben ist mir auf jeden Fall der übermächtige Wunsch von meiner Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Gemocht.

Girls Night mäßig.

Als würden wir uns gemeinsam stylen, kichernd auf die Partynacht vorbereiten und gemeinsam irgendwelche Typen bequatschen.

Und wehe, ja wehe, jemand kritisiert mich!

Schlechte Noten in der Schule waren quasi so etwas wie schlechte Kritik . Ich wurde allerdings von meinen Lehrern immer belobhudelt, daher kannte ich das nicht so wirklich.

Mein erster Fünfer in der Schule (5. Klasse Gym) brachte mich derart zum Heulen, dass meine Mama mir ein Stofftier schenken musste.

Ich hatte dann in der 7. Klasse noch einen. Hab mich kurz gefragt, ob ich mich vom Schulgebäude stürzen muss, so dramatisch war das für mich.

Sigrid spricht vor den TeilnehmernIm Arbeitsleben ist sowas nicht grad sehr hilfreich.

Nicht nur, dass man nun mal hin und wieder Fehler macht. Man wird dann und wann einfach mit Kritik konfrontiert. Ich hoffe einmal, diese ist so konstruktiv wie möglich, aber es ist und bleibt Kritik.

Ich hatte im Laufe meines Arbeitslebens eine Reihe an extra schlimmen Chefs, die mich anbrüllten, in der Gastro wurden mir Teller und Spültücher nachgeworfen . Manchmal wurde ich sogar im Urlaub noch angerufen und zur Schnecke gemacht. Hatte ich doch meinen Abwesenheitsassistenten in der Firma nicht adäquat formuliert.

Und all das war für mich ein Lernen, dass nichts wirklich passt von dem, was man so tut. Ziemlich schwarz-weiß gesehen, aber doch hat es sich so manifestiert.

Was bleibt

Also war es lange Zeit für mich leider so, dass sobald ich einmal von einem Vorgesetzten kritisiert wurde, für mich gleich eine Welt zusammenbrach.

Die sofortige Interpretation des Gesagten übersetzte sich in meinem Hirn als: „du kannst nix, du bist niemand, deine Leistung ist schlecht, warum bist du überhaupt hier, wenn du zu nix fähig bist“.

Siehe Glaubenssätze, über die ich mich ebenfalls schon ausführlich ausgelassen habe.

Wieso nur ist das so?

Ist nicht konstruktive Kritik etwas, woran wir wachsen und woraus wir was lernen sollen?

Aber wie geht konstruktive Kritik und warum nehmen wir alles gleich so extra persönlich.

Ich denke immer an Sprüche wie: „ich kritisiere nicht dich, sondern das was du getan hast.“ Haha, als ob ich das emotional unterscheiden könnte!

Wenn ich nicht über den Klee gelobt werde, ist sowieso nichts gut genug. Und selbst dann ist es irgendwie gerade gut genug.

Girl just wanna have fun?

Mir kommt es vor, und bitte jeder mag mich korrigieren, der anderer Meinung ist. Aber mir scheint, dass diese Problematik vor allem Mädchen betrifft.

Ich merke es jetzt schon bei meiner Tochter. Sie ist wohlgemerkt noch nicht ganz ein Jahr alt.

Man hört da ständig Dinge wie: „das und das machen Buben eben“ und „das und das machen Mädchen eben.“

Buben spielen mit Autos, sie raufen, sie sind frech und wild, sie wollen Feuerwehrmänner werden und unbedingt einen Paw Patrol Rucksack haben.

Mädchen mögen rosa und Puppen. Sie sind gut in der Schule, sind „brav“ (gefährliches Wort), wollen Ärztin oder Make-up Artist werden und brauchen einen Rucksack von Elsa, der Eiskönigin.

Meine Partnerin Ruth spricht vor den TeilnehmernWoher kommen unsere Stereotypen?

Ich sehe immer wieder auf LinkedIn, oder wo auch immer, diese Sprüche: Frauen sind bossy, Männer sind durchsetzungsstark und dergleichen.

Wir haben also irgendwie alle das gleiche gelernt über uns zu glauben. Manche mehr, andere etwas weniger von dem einen oder anderen. Aber prinzipiell haben wir Frauen (wie wohl auch die Männer) in vielen Bereichen die gleichen Glaubenssätze.

Und bei den Frauen und Mädchen ist es eben das gefallen Müssen. Das geliebt werden Müssen. Und für das sind wir bereit Vieles, ja fast alles, zu tun.

Wir passen uns an, wir gehorchen, wir tun das, was wir glauben, dass die anderen von uns sehen oder hören wollen.

Oder?

Ändern sich die Dinge mittlerweile schon?

Ich habe das von einigen Gleichaltrigen gehört, deren Kinder deutlich älter sind als meine. Da sind die Mädchen offenbar gar nicht mehr so zurückhaltend.

Sie sind laut, sie wehren sich, sie treten für sich und ihre Werte ein.

Doch nur so als Kommentar: das haben wir früher von uns auch immer schon gesagt!

Die Mädchen von heute wollen die gleiche Bildung, wie die Burschen, sie wollen die gleichen Jobs, gleich bezahlt. Sie wollen einfach nur gleichberechtigt sein – oder sogar noch mehr?

Aber stimmt das wirklich? Ist das bereits die Mehrheit der jungen Mädchen heute? Ich denke nicht.

Sigrid hält einen ImpulsvortragIch sehe immer noch überall die rosa gekleideten Mädchen in Prinzessinnentutus und höre ständig Dinge wie, dass man mit Mädchen weniger Aufwand in der Schule hat als mit Buben.

Dass es eben genetisch so ist, dass sie sich für etwas interessieren und die Buben halt für anderes. Das sehe ich ehrlicherweise auch so. Aber eben nicht nur.

Was können wir machen?

Natürlich zieht es die Kinder oft (oft, aber bitte doch nicht immer!) in eine gewissen Richtung. Klar, kümmern sich Mädchen gerne um ihre Puppenkinder und Buben toben mit den Spielzeugautos. Aber das wars dann meiner Meinung nach auch schon.

Alles andere ist doch antrainiert.

Was aber bedeutet, wir können das als Mütter anders machen. Das ist schon mal die gute Nachricht.

Wir können unseren Kindern unsere Werte und unsere Vorstellungen mit auf den Weg geben.

Wir zeigen ihnen, dass man nicht immer von jedem gemocht werden kann, weil es auch gar nicht nötig ist. WIR als Eltern lieben unsere Kinder sowieso immer und ohne Kondition.

Wir zeigen ihnen, dass man Fehler machen muss, damit man etwas lernt. Das sagt übrigens heute auch jeder Topmanager: you need to fail und so weiter und so klug.

Die Mädchen müssen in der Schule auch mal schlecht sein dürfen, lieber Sport machen als lernen. Und wir sollten so Sprüche wie „Mädchen machen sowas nicht“ oder auch „Buben machen sowas eben“ tunlichst vermeiden. Hier manifestieren sich Glaubenssätze, die unsere Kinder später verzweifeln lassen. Und daran sind wir Eltern leider nicht ganz unschuldig.

Und zum Schluss kommt auch wieder meine heiß geliebte, viel zitierte „Gesellschaft“ zum Zug. Was nämlich von außen auf die Kinder einwirkt, der Kindergarten und vor allem auch die Schule, das können wir Eltern nur bedingt beeinflussen.

Da nehmen sich unsere Kinder sehr viel mit. Sie nehmen die Gedanken und Leitsätze mit und verinnerlichen sie sich. Daher heißt es in diesem Bereich für uns besonders aufzupassen und gut hinzuhören, was unsere Kinder uns  von ihrem sozialen Umfeld berichten. 

Foto der SponsorenGenerationenwechsel

Wir 80er/90er Kinder sind ja schon die Folgegeneration unserer Mütter. Unsere Mütter haben noch für alles so hart gekämpft. Studieren war ein Privileg. Ein Managerinnen Job förmlich undenkbar. Sie wurden Lehrerinnen und solche Dinge.

In meiner Jugend schien es mir allerdings bereits ganz normal, dass Mädchen ins Gymnasium und dann auf die Uni gingen. Und doch war der Anspruch an uns immer, dass wir in der Schule besser sein sollten. Dass wir braver sein mussten. Dass für ein Mädchen „laut“ nicht besonders gut wirkt.

Jetzt ist die nächste Generation am Zug.

Wir sind ihre Mütter. Wir, die wir auf Social Media diese #Frauenpower #Girlpower oder #Frauenempowerment Sachen posten.

Wir können das, zumindest zu einem gewissen Teil, mitgeben, dass unsere Mädchen mit einem besseren Selbstwert aufwachsen. Nicht nur auf ihr Äußeres oder auf das „gut Funktionieren“ getrimmt werden.

Wir erzählen ihnen einfach, womit wir kämpfen, was unsere Probleme und Themen sind. Und dann hören wir hoffentlich bald von unseren großen, starken, erfolgreichen Töchtern: „Chill Mama, wenn du brav bist, dann darfst du bei meiner nächsten Aufsichtsratssitzung zuhören.“

In diesem Sinne, schauen wir drauf, dass wir nicht nur gemocht, sondern vor allem respektiert werden. Und von denen gemocht werden, die auch uns wirklich wichtig sind.

Bin gespannt auf Eure Kommentare zu diesem Thema.

Ich freue mich auf ein Wiederlesen,

Eure Sigrid

Bildquelle: Barbara Lachner Fotografin

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